WAS IST GESTALT?

Eine Haltung zum Menschen. Begegnung, Kontakt, Dialog, Gewahrsein, Forschen.

Hier finden Sie Informationen und Wissen über Gestalt.

Ein persönliches Wort vorab (von Alexander Kopp Leiter Gestalt Training Center)

Wenn ich versuche, Gestalttherapie oder Gestaltarbeit zu erklären, gerate ich schnell in einen kleinen Widerspruch: Ich beginne über etwas zu schreiben, das sich nur im Erleben erschließen kann.

Fritz Perls, einer der Begründer der Gestalttherapie, hatte für theoretische Abhandlungen einen drastischen Ausdruck: „elephant shit“ – Elefantenscheiße. Damit meinte er das große, gelehrte Reden über das Leben und Methoden, während das Leben selbst gerade woanders stattfindet. Und so sind auch diese Texte über Gestalt ein hilfloser Versuch, etwas in Worte zu fassen, das lebendig, unmittelbar und immer wieder anders ist.

Gestalttherapie bedeutet für mich, mit dem in Kontakt zu kommen, was jetzt da ist. Nicht mit dem, was eigentlich da sein sollte. Nicht mit der Erklärung, warum ich so geworden bin. Sondern mit dem, was ich in diesem Moment wahrnehme: meine Gedanken, meine Gefühle, meinen Körper, meinen Atem, meine Wünsche, meinen Widerstand – und dem Menschen, der mir gegenübersitzt.

Fritz Perls sagte: „Gestalt therapy is being in touch with the obvious.“ Gestalttherapie heißt, mit dem Offensichtlichen in Berührung zu sein. Das klingt einfach. Doch oft ist gerade das Offensichtliche schwer zu bemerken: dass ich den Atem anhalte, während ich von Freiheit spreche; dass ich lächle, obwohl ich traurig bin; dass ich mich zurückziehe, obwohl ich mir Nähe wünsche.

In der Gestalttherapie geht es deshalb weniger darum, sich immer genauer zu erklären. Es geht darum, sich selbst deutlicher zu begegnen. Wahrzunehmen, wie ich gerade in der Welt bin, wie ich Kontakt aufnehme und wie ich ihn unterbreche. Was ich festhalte. Was ich vermeide. Und was geschehen kann, wenn ich einen Augenblick lang nichts verändern muss.

Gestalt ist für mich keine Technik, die man einfach anwendet. Sie ist eine Einladung, anwesend zu sein: mit dem, was angenehm ist, und mit dem, was schmerzt; mit dem Vertrauten und mit dem, was noch keine Worte hat. Vielleicht lässt sich Gestalttherapie deshalb nur schwer erklären. Man kann über sie schreiben, Begriffe finden und Gedanken ordnen. Doch verstanden wird sie erst dort, wo etwas tatsächlich erlebt wird – in einem Augenblick echter Begegnung, in dem aus Wissen Wahrnehmung und aus Reden Kontakt wird.

Nachdem ich bereits viele Jahre mit Menschen in den Bereichen Meditation, Achtsamkeit und Zen gearbeitet habe, war Gestalt der logische Anschluss, um Menschen dabei zu begleiten, nicht nur Innehalten zu lernen und achtsamer durchs Leben zu gehen, sondern sie auch dort zu begleiten, wo sie immer wieder feststecken oder „zurückfallen“ in das was sie glaubten bereits durchschritten zu haben. Um Menschen die Gestaltarbeit mit Worten noch etwas näher zu bringen, schreibe ich Essays, die Interessierte hier finden können und ich wünsche viel Freude beim lesen.

Eine kurze Geschichte der Gestalt

Die Wurzeln reichen in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück. Die Gestaltpsychologie widersprach der damals verbreiteten Annahme, Wahrnehmung ließe sich vollständig in einzelne Reize zerlegen. Menschen bilden Zusammenhänge, erkennen Muster und erleben Situationen als Ganzheiten.

Aus diesen Gedanken entwickelte sich in den 1940er- und 1950er-Jahren die Gestalttherapie. Zu ihren prägenden Persönlichkeiten gehörten Fritz und Laura Perls, der Schriftsteller und Sozialphilosoph Paul Goodman sowie der Psychologe Ralph Hefferline. Sie verbanden, was zuvor selten zusammenkam: Psychoanalyse, Gestaltpsychologie, Feldtheorie, Phänomenologie, Existenzphilosophie und körperorientierte Ansätze.

Zwei Begriffe tragen diesen Ansatz bis heute. Der erste ist der Dialog.

Er verdankt sich dem Denken Martin Bubers. In Ich und Du (1923) unterscheidet Buber zwei Grundhaltungen, aus denen heraus der Mensch der Welt begegnet. In der Ich-Es-Haltung wird das Gegenüber zum Objekt: betrachtet, eingeordnet, benutzt. In der Ich-Du-Haltung tritt ihm ein anderer als eigenständiges Gegenüber entgegen, und in dieser Begegnung wird beides erst wirklich – das Ich wie das Du. Bubers zentraler Gedanke: Der Mensch entsteht nicht für sich, sondern im Zwischen, im lebendigen Kontakt zweier Seiten, die sich einander zuwenden, ohne sich einzuverleiben.

Besonders Laura Perls, die Buber in Frankfurt gehört hatte, brachte dieses dialogische Denken in die Gestalt ein. Was in der Psychoanalyse noch die deutende Instanz war, wird hier zur wirklichen Begegnung: Der andere ist kein Fall, den man erklärt, sondern ein Gegenüber, dem man begegnet. Aus Bubers „Zwischen“ wurde der Kontakt, der bis heute im Zentrum der Gestalt steht.

Der zweite Begriff ist das Gewahrsein. Auch er hat keinen einzelnen Ursprung, sondern führt mehrere Linien zusammen. Aus der Gestaltpsychologie stammt der Blick auf Figur und Grund – darauf, was im Wahrnehmen gerade in den Vordergrund tritt und wie die Wahrnehmung selbst durch eigene Hintergründe geprägt ist. Aus der Phänomenologie kommt die Zuwendung zum unmittelbar Erscheinenden, noch vor jeder Deutung. Und in Fritz Perls‘ Prägung des Begriffs wirkt seine Berührung mit östlicher Übungspraxis nach, besonders dem Zen, das dem gegenwärtigen Augenblick dieselbe Ernsthaftigkeit gibt.

Im grundlegenden Werk Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Personality, das 1951 erschien, rücken beide Begriffe ins Zentrum. Nicht die Deutung des Erlebens verändert, sondern das Gewahrwerden dessen, was ist – im Körper, im Gefühl, im Kontakt. Verfasst wurde es von Fritz Perls, Ralph Hefferline und Paul Goodman. Laura Perls war an der Entwicklung des Ansatzes maßgeblich beteiligt, blieb auf dem Titel jedoch ungenannt. 1952 entstand in New York das erste Gestalt-Institut.

Damit verschob die Gestalt den Ort der Veränderung: weg von der Deutung der Vergangenheit, hin zum gegenwärtigen Erleben. Die eigene Geschichte bleibt bedeutsam. Sie wird dort erforscht, wo sie heute spürbar wird: in wiederkehrenden Mustern und in der Beziehung zu anderen.

Die European Association for Gestalt Therapy beschreibt Gestalt als gegenwartsbezogenen, phänomenologischen und dialogischen Ansatz, der den Kontakt zwischen Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Genau dieser dialogische Kern ist es, den wir am Gestalt Training Center in Köln in den Mittelpunkt stellen – und aus dem der Kölner Weg der dialogischen Gestalt seinen Namen trägt.

Gewahrsein

Gewahrsein bedeutet, offen wahrzunehmen, was im gegenwärtigen Moment geschieht: Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken, Impulse, Umgebung. Es ist eine weite, wertfreie Wahrnehmung dessen, was ist.

Zunächst darf sichtbar werden, was ohnehin schon da ist, bevor es bewertet, erklärt oder verändert wird. Dann treten Bedürfnisse, Spannungen und Handlungsmuster deutlicher hervor.

Gewahrsein ähnelt dem, was heute häufig Achtsamkeit genannt wird. In der Gestalt ist es jedoch immer auch auf Kontakt gerichtet: Wie erlebe ich mich in dieser Situation? Was geschieht zwischen mir und meinem Gegenüber? Wie beeinflusst die Umgebung mein Erleben? Achtsamkeit richtet die Aufmerksamkeit oft nach innen; Gewahrsein schließt das Zwischen von Anfang an ein.

Begegnung

Der Mensch entwickelt sich in Beziehungen. Er wird von ihnen geprägt und erfährt sich immer auch in der Begegnung mit anderen.

Begegnung heißt, sich selbst und einem anderen Menschen interessiert und gegenwärtig zuzuwenden. Unterschiede müssen dabei nicht aufgehoben werden. Wirklicher Kontakt entsteht gerade dort, wo beide Seiten eigenständig wahrnehmbar bleiben.

Gestalt schafft Räume, in denen Menschen sich zeigen, Resonanz erfahren und ihre gewohnten Formen des Kontakts erkunden können. Im Mittelpunkt steht, was in der konkreten Begegnung erfahrbar wird.

Dialog

Dialog ist mehr als der Austausch von Meinungen. Er beginnt mit der Bereitschaft, zuzuhören, sich berühren zu lassen und die eigene Sicht als eine unter mehreren zu verstehen. Im Dialog wird sichtbar, was in uns und zwischen uns wirkt. Wahrnehmungen werden geteilt, Unterschiede dürfen bestehen bleiben, und bisher verborgene Zusammenhänge treten hervor. Das erste Ziel ist deshalb Einsicht. Veränderung kann daraus entstehen – als Folge eines vertieften Verstehens, nicht als auferlegte Forderung.

Kontakt und Wachstum

In der Gestalt geschieht Entwicklung im Kontakt: an der Grenze, wo ich und Umwelt sich berühren. Dort nehme ich wahr, was mir begegnet, und antworte darauf – oder weiche aus. Beides ist bedeutsam. Auch die Art, wie jemand Kontakt vermeidet, erzählt von seinen Bedürfnissen und seiner Geschichte.

Vieles davon läuft gewohnheitsmäßig ab. Wir haben früh gelernt, wie wir uns zeigen, wie viel Nähe wir zulassen, wann wir uns zurückziehen. Diese Formen haben einmal geschützt. Manchmal engen sie heute ein, ohne dass wir es bemerken.

Gewahrsein macht diese Muster wieder sichtbar und Neues wählbar. Was bewusst wird, muss nicht mehr nur geschehen. An die Stelle der eingeübten Reaktion kann eine Antwort treten, die zur gegenwärtigen Situation passt – nicht zu einer längst vergangenen.

Was in der Gestaltarbeit geschieht

In der therapeutischen und beraterischen Arbeit wird all dies erfahrbar, nicht nur besprochen. Ein Gefühl darf sich zeigen, statt erklärt zu werden. Eine Körperempfindung wird ernst genommen als das, was sie mitteilt. Was sich zwischen zwei Menschen im Raum ereignet, wird selbst zum Gegenstand – behutsam, im Tempo dessen, der es erlebt.

So entsteht ein Ort, an dem sich Wahrnehmen üben lässt: den eigenen Regungen trauen, Unterschiede aushalten, im Kontakt bleiben, auch wenn es unbequem wird. Was hier wächst, bleibt nicht im Raum. Es wirkt dort weiter, wo Menschen leben, arbeiten und einander begegnen.

Warum Gestalt heute so aktuell ist

Menschen, die zu uns kommen, sind selten uninformiert. Im Gegenteil. Sie haben gelesen, gehört, ausprobiert. Sie kennen ihre Muster, ihre Prägungen, die Namen ihrer Themen. Sie sind voll — von Konzepten, Ratgebern, Meinungen, von Wissen über sich selbst. Und sie sind erschöpft. Nicht trotz all dessen, sondern oft gerade davon.

Denn all das Wissen hat sie einem Punkt nicht nähergebracht: dem, was sie in diesem Moment tatsächlich wahrnehmen. Zwischen ihnen und ihrem eigenen Erleben liegt eine Schicht aus Erklärungen. Sie wissen, warum sie sind, wie sie sind — und spüren sich dabei immer weniger.

Hier setzt Gestalt an, und zwar anders als das meiste, was unter persönlichem Wachstum angeboten wird. Sie fügt dem vielen Wissen kein weiteres hinzu. Sie fragt in die andere Richtung: Was nimmst du gerade wahr, bevor du es erklärst? Was spürst du, wenn du einen Augenblick lang nichts verbessern musst?

Einsicht entsteht in der Gestalt nicht durch noch einen Gedanken, sondern durch unmittelbares Erleben. Ein Gefühl darf sich zeigen, statt eingeordnet zu werden. Eine Körperempfindung wird ernst genommen als das, was sie mitteilt. Eine neue Form des Handelns wird nicht besprochen, sondern versuchsweise gewagt. Deshalb betrachtet Gestalt Gedanken, Gefühle, Körper und Beziehungen zusammen — nicht, weil das vollständiger klingt, sondern weil ein Mensch sich nicht in Teile zerlegen lässt.

Einen schnellen Weg zur optimierten Persönlichkeit verspricht sie nicht. Sie führt eher in die andere Richtung: weg von der Frage, was noch fehlt, hin zu dem, was schon da ist. Gerade darin liegt ihre bleibende Aktualität — in einer Zeit, die unaufhörlich sagt, wir seien noch nicht genug.

Gestalt in einer zunehmend digitalen Welt

Wir sind erreichbar geworden, fast ununterbrochen. Und zugleich immer schwerer anwesend.

Vieles läuft inzwischen wie von selbst: Der Blick wandert zum Bildschirm, bevor ein Gedanke zu Ende ist. Die Aufmerksamkeit springt, geführt von dem, was als Nächstes aufleuchtet. Wir tun eine Sache und sind schon bei der nächsten. Vieles im Tag geschieht im Autopilot — und am Abend bleibt das Gefühl, viel getan und wenig erlebt zu haben.

Die Technik ist damit nicht das Problem. Sie eröffnet Zugänge, verbindet über Entfernungen, erleichtert vieles. Aber sie verändert, wo unsere Aufmerksamkeit hingeht und was dabei in den Hintergrund tritt — oft der eigene Körper, das eigene Spüren, das Gegenüber, das gerade wirklich da ist.

Gestalt fragt nach einem bewussten Verhältnis dazu. Nicht gegen die Technik, sondern für die eigene Wahrnehmung: Was zieht meine Aufmerksamkeit an, und was verliere ich dabei aus dem Blick? Wann erlebe ich wirklichen Kontakt — und wann bin ich nur erreichbar, ohne gegenwärtig zu sein? Was geschieht mit mir, wenn Begegnung überwiegend über Bildschirme läuft? Und welche der vielen Antworten, die mich in Sekunden erreichen, ist eigentlich meine eigene?

Je schneller alles wird, desto wertvoller wird das Langsame: zuhören, ohne schon zu antworten; etwas stehen lassen, ohne es sofort zu bewerten; Ungewissheit aushalten, statt sie wegzuklicken. Gestalt ist eine Übung darin, sich in all dem nicht zu verlieren — und zwischen Reiz und Reaktion den Ort wiederzufinden, an dem eine eigene Antwort entsteht.